Adaptogen. Ein Wort, das immer häufiger auf Etiketten, in Wellness-Blogs und in sozialen Netzwerken auftaucht. Manchmal begleitet von großspurigen Versprechungen. Manchmal ohne jegliche Erklärung. Und fast immer ohne Kontext.
Bevor wir über adaptogene Pilze sprechen, sollten wir verstehen, was dieser Begriff eigentlich bedeutet, wer ihn geprägt hat und warum er nicht nur ein Modewort ist.
Ein Konzept mit wissenschaftlichem Ursprung
Der Begriff „Adaptogen“ entstand nicht im Marketing. Er wurde 1947 vom sowjetischen Pharmakologen Nikolai Lazarev geprägt, um Substanzen zu beschreiben, die die Widerstandsfähigkeit des Organismus gegenüber Stress – sei er physischer, chemischer oder biologischer Natur – steigern können. Die Kernidee: nicht auf ein konkretes Symptom einzuwirken, sondern dem Organismus zu helfen, sich an widrige Bedingungen anzupassen.
In den folgenden Jahren präzisierte der Forscher Israel Brejman das Konzept anhand von drei konkreten Kriterien. Eine adaptogene Substanz müsse unbedenklich sein, eine unspezifische Wirkung haben – also auf mehrere Systeme gleichzeitig einwirken – und dazu beitragen, die Körperfunktionen unabhängig von der Art des Ungleichgewichts zu normalisieren.
Ein strenger Rahmen. Ganz anders als die heutige Verwendung des Begriffs.
Von der Tradition zur modernen Wissenschaft
Viele der Substanzen, die wir heute unter diesem Begriff untersuchen, sind seit Jahrhunderten in traditionellen Heilsystemen präsent: in der chinesischen Medizin, im Ayurveda sowie in den Traditionen verschiedener Regionen Asiens und Sibiriens.
Reishi, Cordyceps, Chaga. Keine von ihnen wartete darauf, dass ein sowjetischer Pharmakologe ihnen einen Namen gab. Sie waren Teil von Traditionen, in denen über Generationen hinweg empirisches Wissen über ihre Anwendung gesammelt worden war.
Was die moderne Forschung beigetragen hat, ist die Möglichkeit, diese Arten mit analytischen Methoden zu untersuchen: ihre Inhaltsstoffe zu identifizieren, Extrakte zu charakterisieren und mögliche biologische Wirkmechanismen zu erforschen. In einigen Fällen ermöglichen diese Studien die Formulierung von Hypothesen im Zusammenhang mit historisch beschriebenen Anwendungsweisen. Doch Tradition und klinische Evidenz sind nicht dasselbe, und man sollte sie nicht verwechseln.
Warum der Begriff Adaptogen heute Verwirrung stiftet
Das Problem mit dem Begriff „Adaptogen“ ist zweierlei.
Einerseits hat das Marketing ihm seine Präzision genommen. Er wird auf jede Pflanze oder jeden Pilz angewendet, für den auch nur die geringste Tradition der Anwendung besteht, ohne Unterscheidung nach Belegen oder Wirkmechanismen. Das Ergebnis ist Unklarheit und berechtigtes Misstrauen.
Andererseits erkennt die europäische Verordnung über gesundheitsbezogene Angaben den Begriff „Adapogen“ nicht als zulässige Angabe an. Im europäischen Handelskontext kann seine Verwendung ohne weiteren Kontext aus regulatorischer Sicht problematisch sein.
Das Konzept an sich ist weiterhin als theoretischer Rahmen nützlich. Allerdings nur, wenn es streng angewendet wird: indem erklärt wird, was es bedeutet, welche wissenschaftlichen Belege vorliegen und welche Einschränkungen es gibt.
Reishi, Cordyceps und Chaga: drei Pilze, drei Profile
Diese drei werden in der aktuellen Literatur häufig mit dem Begriff „Adapogen“ in Verbindung gebracht. Sie sind jedoch nicht untereinander gleichwertig, und es gibt keine europäische regulatorische Klassifizierung, die sie als solche definiert.
Jeder hat seine eigene Zusammensetzung. Reishi enthält Beta-Glucane und eine Vielzahl von Triterpenen. Cordyceps weist je nach verwendeter Art oder Stamm unterschiedliche Profile auf. Chaga enthält Triterpenoide und eine hohe Konzentration an phenolischen Verbindungen.
Von ihnen so zu sprechen, als seien sie austauschbar – lediglich durch eine Bezeichnung verbunden –, ist eine zu starke Vereinfachung. Unter einem einzigen Begriff finden wir verschiedene Arten, unterschiedliche Rohstoffe und chemische Profile, die es verdienen, einzeln untersucht zu werden.
Ein Fall, der einer differenzierten Betrachtung bedarf: der Löwenmähne-Pilz
Der Löwenmähne-Pilz (Hericium erinaceus) wird ebenfalls häufig unter der Bezeichnung „Adaptogen“ aufgeführt. Ein Großteil des wissenschaftlichen Interesses, das er in den letzten Jahren geweckt hat, stammt jedoch aus einem anderen Bereich.
Zu seinen am besten untersuchten Verbindungen zählen die Hericenone, die hauptsächlich im Fruchtkörper vorkommen, und die Erinacine, die insbesondere im Myzel untersucht wurden. Beide Verbindungsfamilien haben das Interesse der Forschung an Mechanismen geweckt, die mit neurotrophen Faktoren wie dem NGF (Nervenwachstumsfaktor) zusammenhängen. Ein spezifischer und vielversprechender Forschungsansatz, der sich vor allem auf präklinische Studien stützt und für den die klinischen Belege bislang noch begrenzt sind.
Dies ist ein klares Beispiel dafür, warum der Begriff „Adapogen“ eher Verwirrung stiften als Klarheit schaffen kann. Den Löwenmähnenpilz in dieselbe Kategorie wie Reishi oder Chaga einzuordnen, sagt über keinen der drei viel aus.
Ein Begriff, der einer genaueren Definition bedarf
Der Begriff „Adaptogen“ ist weder ein Versprechen noch ein Qualitätssiegel. Es handelt sich um ein Konzept mit wissenschaftlichem Ursprung, einer eigenen Geschichte und definierten Kriterien, das – wie so viele andere im Bereich des Wohlbefindens – vom Marketing aufgegriffen und seines Kontexts beraubt wurde.
Nur wenn man seinen Ursprung versteht, kann er weiterhin von Nutzen sein. Denn hinter ein und demselben Begriff können sehr unterschiedliche Arten, Wirkstoffe und Forschungsrichtungen stehen.
Und diese Unterschiede zu kennen, ist viel interessanter, als sich mit einer einfachen Bezeichnung zufrieden zu geben.
Möchtest du mehr über die Eigenschaften der einzelnen Pilzarten erfahren? Dann schau dir die Artikel zu den einzelnen Arten auf keynaturals.net an.

